Es war lange mein Wunsch, nach Tirol zu ziehen, also habe ich mich 2012 auf eine Stelle in Innsbruck beworben und im Anschreiben kurz erklärt, dass auch private Gründe eine Rolle bei meiner Suche spielen. Prompt wurde ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Die persönliche Begegnung in der Firma verlief durchaus positiv und oberflächlich hat die Tätigkeitsbeschreibung sehr gut zu meinem Profil gepasst. Zum Ende des Gesprächs teilte mir die Personalerin freudig mit, dass ich in der nächsten Runde sei und dort ein IQ-Test auf mich warten würde. Gehört zum Qualitätsmanagement und so, die anderen Bewerber/innen müssen das auch machen. Dazu schenkte sie mir ein NLP-Lächeln.

Damit war für mich der Ofen aus. Ich habe für einen Moment überlegt, ob ich das direkt anspreche, aber mich dann entschieden, in Ruhe darauf zu reagieren. Am nächsten Tag habe ich per Mail meine Bewerbung höflich zurück gezogen.

Im Folgenden möchte ich meinen Standpunkt zu solchen IQ-Tests darlegen.

    1. Es gibt Situationen, in denen solche Tests die einfachste Möglichkeit sind, eine Bewerberflut in den Griff zu bekommen. Wenn sich 1000 Menschen auf Studienplätze für Medizin bewerben, dann ist es organisatorisch nicht möglich, jeden Einzelnen in einem entspannten Gespräch nach seinen Beweggründen zu fragen. Ein solcher Test ist einheitlich und das Ergebnis nachvollziehbar: Die besten \(x\%\) kommen weiter.

    2. Mathematisch gesehen lassen sich einige Fragen solcher IQ-Tests kritisieren, wenn die Spielregeln nicht geklärt sind, zum Beispiel:

      Setzen Sie die Zahlreihe 1,2,3 fort.

      Es gibt hier mehrere Lösungen. Vernünftige Menschen werden das wohl mit \(4\) tun. Mehrere Lösungen lassen sich ausschließen, wenn die Spielregeln klar sind. Was darf ich mit den vorgegebenen Zahlen konkret tun? Falls keine Spielregeln angegeben werden, wäre es denkbar, dass Sie mit den Fibonacci-Zahlen weitermachen. Dort ist die nächste Zahl immer die Summe der aktuellen und der davor. Das passt auch hier: \(1+2=3\), also muss die nächste Zahl \(2+3=5\) sein. Oder Sie sind richtig auf Krawall aus. Dann geht es mit 2020, Ihrem Geburtsjahr oder einer x-beliebigen Zahl weiter, denn wir können immer ein sogenanntes Polynom bestimmen, dass an vorgegebenen Stellen vorgegebene Werte annimmt:
      \[f(x)=336\cdot x^{3} - 2016\cdot x^{2} + 3697\cdot x - 2016\]
      Überprüfen wir das. Wir setzen der Reihe nach für \(x\) die Werte \(1\), \(2\), \(3\) und \(4\) ein und berechnen den zugehörigen Funktionswert.
      \begin{align*}
      336\cdot 1^{3} - 2016\cdot 1^{2} + 3697\cdot 1 - 2016 &= 1\\
      336\cdot 2^{3} - 2016\cdot 2^{2} + 3697\cdot 2 - 2016 &= 2\\
      336\cdot 3^{3} - 2016\cdot 3^{2} + 3697\cdot 3 - 2016 &= 3\\
      336\cdot 4^{3} - 2016\cdot 4^{2} + 3697\cdot 4 - 2016 &= 2020
      \end{align*}Sollte Sie interessieren, wie dieses Polynom \(f(x)\) berechnet wird, dann fragen Sie einfach nach.

    3. Diese mathematische Spitzfindigkeit kann ich wohlwollend ausblenden und die Zahlreihe brav mit \(4\) fortsetzen. Mehr stört mich die unterschiedliche Augenhöhe, die sich im Vorstellungsgespräch ergeben hat. Wenn es zulässig ist, einem Bewerber mit Hochschulabschluss einen IQ-Test vorzulegen, ist es dann umgekehrt zulässig, wenn der Bewerber den potentiellen zukünftigen Kollegen ebenfalls einen IQ-Test vorlegt oder wäre das taktlos, ja sogar anmaßend?

    4. IQ-Tests kann man üben. Was wird also damit wirklich gemessen? Wie intelligent jemand ist oder wie viel jemand dafür geübt hat? Oder wird damit getestet, wie sehr sich jemand in ein technokratisches System einfügen kann?

Irgendwie müssen Bewerber/innen ausgewählt, also auch aussortiert werden, das hat immer einen negativen Beigeschmack, aber ich möchte als Mensch mit meiner Motivation, meiner Hoffnung, meiner Erfahrung nicht auf eine Zahl reduziert werden, nicht auf mein Körpergewicht, nicht auf meine Körpergröße, nicht auf meinen Kontostand und erst Recht nicht auf meinen IQ.

Ressource: http://arndt-bruenner.de/mathe/scripts/steckbrief.htm

Dort können Sie diese Zahlreihe mit Ihrer Wunschzahl fortsetzen. Ändern Sie die folgende Eingabe einfach rechts vom Gleichheitszeichen ab und ersetzen Sie die \(2020\) wie es Ihnen beliebt. Sie erhalten dann in der Ausgabe für \(f(x)\) das gesuchte Polynom. Sie können auch eine andere Zahlreihe betrachten. Ändern Sie dazu \(1\),\(2\),\(3\) in der Klammer bzw. links vom Gleichheitszeichen ab.

In diesem Fenster können Sie auf der obigen www-Adresse eigene Zahlen eingeben.

Die Aufgabe, eine passende Funktion zu bestimmen, die an vorgegebenen Stellen vorgegebene Werte annimmt, heißt Steckbriefaufgabe, da eine Funktion gesucht wird, auf die bestimmte Eigenschaften zutreffen.

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